Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (10).

Zehnte Predigt.

Siebente Lagerstätte: Sin.

4. Buch Mose 33,11.

Dies ist die siebente Lagerstätte und zwar in einer Wüste Namens Sin. Eine Wüste ist eine von Menschen unbewohnte und unbewohnbare Gegend, weil sich in derselben weder Wasser noch Gewächse befinden, es wären denn Stacheldornen. Nur Schlangen, Scorpionen und dergleichen schädliche und giftige Thiere halten sich darin auf; die Reisen durch solche Gegenden sind also etwas grausenhaftes. Gott sagt bei dem Propheten Hosea: „ich will sie in die Wüste führen,“ und zwar sagt er das nicht als eine Drohung, sondern als eine väterliche Zucht, weshalb auch gleich hinzugesetzt wird „und dann freundlich mit ihnen reden.“ Dies ist also eine geistliche Wüste. Sie besteht in einer Beraubung aller Stützen, worauf der Mensch außer Gott sein Vertrauen setzen möchte, wodurch er dann genöthigt wird, seine Hoffnung allein auf den lebendigen Gott zu setzen, welches er nicht thut, so lange er sonst noch was hat, womit er Abgötterei treiben kann, welches ihm deswegen genommen werden muß. Und wenn das geschieht, so wird er geistlicher Weise in eine Wüste geführt. Diese Beraubung aller Stützen ist theils äußerlich, theils innerlich und zuweilen sind beide zusammen. Wie oft war David aller äußern Stützen beraubt, nie aber in solchem Maße, als da er nach 1. B. Sam. 23. vor Saul in die Wüste Raon geflüchtet und nun ganz eingeschlossen war und den Händen Saul’s nicht mehr entrinnen konnte. Hier war menschliche Hülfe und Rath aus und er mußte Gott walten lassen, der ihn auch ganz unerwartet dadurch rettete, daß ein Bote dem Könige ansagte, die Philister seien ins Land gefallen, wodurch er veranlaßt wurde, von der Verfolgung David’s abzustehen, den er übrigens so gut wie in Händen hatte. In einer ähnlichen, doch nicht ganz in dem Maße verlassenen Lage, befand er sich, als er vor seinem eigenen Sohn Absalom flüchten mußte, und hätte Gott es nicht so gelenkt, daß Absalom dem Rath Husai mehr Gehör gab als dem klügern Ahitophel, so wäre es mit David allem Ansehen nach aus gewesen. Abraham hatte für seinen Glauben an eine folgende Nachkommenschaft auch durchaus keine sichtbare Stütze, vielmehr viel niederschlagendes und Muth benehmendes, da sein Weib nicht nur unfruchtbar war, sondern auch ein so hohes Alter hatte, daß sie nur noch durch ein Wunder gebähren konnte. Sehen wir den frommen König Josaphat an, gegen den ein unzählbares Heer von Feinden heranzog, so sagt er selbst: „in uns ist nicht Kraft gegen diesen großen Haufen, der wider uns kommt. Wir wissen nicht, was wir thun sollen“ und setzt hinzu: „aber unsere Augen sehen nach dir.“ Es blieb ihm nichts als Gott übrig. Der Apostel Paulus kam auch in Asien einmal in ein solches erstaunliches Gedränge, daß er nichts als den Tod und kein Mittel vor sich sah, demselben zu entgehen, sagt aber selbst, wozu dies geschehen sei, nehmlich daß sie ihr Vertrauen nicht auf sich selbst setzten, sondern auf den Gott, der die Todten lebendig macht, 2. Cor. 1. Und wie gieng’s dem Petrus nicht so sonderlich! Als er Jesum auf dem Meer wandeln sah, fühlte er sich – wie soll ich sagen – geleitet oder verleitet – Jesum zu bitten, er möge ihn heißen zu ihm kommen. Als Jesus dies gethan, stieg er aus seinem Schifflein aufs Wasser und wandelte auch darauf, als ob’s festes Land gewesen wäre. Aber was geschah nun? Als er eine Strecke gewandelt und weit genug vom Schiffe war, erhub sich plötzlich ein Wind, der das Meer unter seinen Füßen bewegte und ihn an die unsichere Beschaffenheit desselben lebhaft erinnerte. Erschrecken – und wirklich Sinken war eins. Jesus war seine einzige Zuflucht, an den er sich auch mit großem Geschrei wandte und freilich erhalten wurde. Und wie oft hat’s sich mit den Gläubigen zugetragen, daß sie im Aeußern kein Durchkommen mehr wußten und auch sagen mußten: „wirst du es nicht thun, Herr?“ – Diese äußern Beraubungen greifen allerdings die Sinnlichkeit nicht wenig an und können Kummer genug verursachen, wie manche unter uns aus eigener Erfahrung werden bezeugen können. Allein es giebt auch innere Beraubungen, die zwar nicht sichtbar, aber noch wohl weit schmerzlicher und weit schwerer zu ertragen sind, wie jene. Durch diese inneren Beraubungen wird der Seele der Trost, die Freude, Muth und Licht entzogen, welches die Schrift mit jenen Redensarten meint, wo es heißt: „wer im Finstern wandelt und scheinet ihm nicht; der Herr hat mich verlassen; ich sitze im Finsterniß“ und dergleichen Redensarten mehr, wo von Angst, Verbergung des Angesichtes Gottes geredet wird, welches die Heiligen oft erfahren haben, wie man reichlich aus den Psalmen sehen kann. Da vergeht dem Menschen sein Vertrauen zu sich selbst und es bleibt ihm nichts als Gott und sein freies Erbarmen übrig, von dem er alles erwarten muß, weil er nichts von sich selbst erwarten kann. – Beim Hiob traf nun Beides zusammen, die innere und äußere Beraubung. Er ward erst plötzlich aller seiner Habe und sodann auch seiner innern Freude und Kraft beraubt, er litt die Schrecknisse Gottes, daß er fast verzagte. Befanden sich die lieben Jünger nicht in einer ähnlichen Lage, als sie Jesum todt am Kreuz hangen sahen und mit ihm auf einmal Alles verlohren hatten? Ja, was erfuhr er selbst am Kreuze, da er körperlich jeder Erquickung beraubt und sogar der Seele nach von Gott verlassen war. Der Christ darf sich daher nicht wundern, wenn er Beraubungen erfährt, die Jesus Christus selbst sich hat gefallen lassen. Manchmal geschehen sie plötzlich und hören eben so plötzlich auf, indem ein herrlicher Reichthum an ihre Stelle tritt; mehrentheils aber treten sie nach und nach ein, daß man selbst je mehr und mehr abnimmt, und es wie mit Petro geht: „da du jung warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest wo du hin wolltest, wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst; die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen: aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“ - Sie haben auch unterschiedliche Staffeln, so daß dem einen doch noch eins und anderes gelassen wird, woran er einen Halt hat, sei es eine Verheißung, oder die Erinnerung an frühere Erfahrungen und dergleichen. Andern wird Alles genommen, so daß es ordentlich schrecklich ist und sie mit Heman Psalm 83. sagen möchten: „ich bin wie ein Mann, der keine Hülfe hat und liege unter den Todten, derer du nicht mehr gedenkest.“ –

So führt der Herr in die Wüste, wo sie keine sinnliche, fühlbare Stütze haben, wie die Kinder Israel; aber er thuts nur, um freundlich mit ihnen zu reden, um sie von allem Selbstvertrauen auszuleeren und sie zu einem nackten Vertrauen auf ihn anzuleiten, wie Paulus auch sagt: „es geschah aber darum, daß wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten.“ Dies enthält eine starke Aufforderung zur Demuth und sich vor Selbsterhebung zu hüten; denn es ist alles nur geliehenes Gut, das niemand so fest besitzt, daß es ihm nicht in dem Maße sollte entzogen werden können, daß er keinen Gebrauch davon machen kann und ihm gewiß also entzogen werden wird, wenn er anfängt, sich etwas mit seinen Gaben zu dünken. Was hast du, o Mensch! das du nicht empfangen hast? So du es aber empfangen hast, was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte? Wurde doch Paulo ein Pfahl ins Fleisch, nehmlich des Satans Engel, der ihn mit Fäusten schlug, gegeben, auf daß er sich nicht überhübe. – Selbsterhebung, wo ein Mensch sich vermisset fromm zu sein, ist ein verdächtiges Zeichen und macht es zweifelhaft, ob auch nur ein Funke echter Gnade in ihm sei. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich, und wer meint zu stehen, der sehe wohl zu, damit er nicht falle. Wenn einer zu Grunde gehen soll, Spr. Sal. 18,12., wird sein Herz zuvor stolz. – Auf der andern Seite liegt aber für die Armen und Beraubten auch ein süßer Trost darin. Gott kann dich wohl wieder aufrichten, und in dem andern Vers sagt Salomo auch: „wer zu Ehren kommen will, muß zuvor leiden.“ Ja, ist es nicht des Herrn Weise, die Vollen leer zu lassen und die Hungrigen mit seinen Gütern zu füllen. – Auch war diese Wüste nicht überall gleich wüste, denn etliche Tagereisen weiter liegt Raphidim, wo heut zu Tage viele angenehme Gärten sind, woraus die daselbst wohnende Mönche ihren Unterhalt ziehen. Israel mußte hinein, weil Gott sie ganz an sich gewöhnen wollte. –

Die Kirche ist auch wohl im Ganzen für eine Zeitlang in der Wüste, wenn nehmlich allerhand Irrlehren die Oberhand gewinnen und das reine Wort selten wird, wenn sich die Versuchungen zum Leichtsinn und Weltsinn häufen, wenn schwere Verfolgungen eintreten, wenn die Zeit des Abfalls hereinbricht, wenn die klugen sammt den thörichten Jungfrauen schlafen, und der Ernst in der Gottseligkeit zu erlöschen droht. Und so mag unsere Zeit wohl eine vorzüglich unfruchtbare sein, bei allem Geräusch, das sie mit Missions- und Bibelvereinen macht. Wer aber versteht unsere Zeit und ihre Zeichen, die wir alles zu hoffen und alles zu fürchten haben. – Uebrigens kommt’s mir merkwürdig vor, daß das Wort Wüste im Hebräischen von einem Worte herkommt, was führen und auch leiten bedeutet, so daß in der Wüste und unter der Leitung sein, im Hebräischen so ziemlich auf eins hinausliefe. Wer nichts mehr hat als Christus, der ist recht dran, mögen denn andere noch außerdem viel haben, worauf sie bauen und trauen. Er will doch seine Gemeine auf diesen Felsen bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. „Die Blinden,“ heißt es Jesaias 42, „will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen, und auf den Steigen führen, die sie nicht kennen. Ich will die Finsterniß vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerischte zur Ebene! Solches will ich ihnen thun und sie nicht verlassen.“ –

Die Wüste nun, wo Israel sich lagern mußte, hatte den Namen Sin, wo auch der Berg Sinai lag und davon den Namen führte. Es bedeutet einen Dorn und Stachel, auch Feindschaft. Vermuthlich wachsen in dieser Wüste viele Dornbüsche, wie ja auch Mose einen brennenden gesehen hatte, als er zur Erlösung Israels berufen wurde. Und dies erschwerte ihre Reise. So singen und reden wir ja auch: „Ich muß mich oft in Dornen stoßen.“ – Paulus redet von einem Pfahl, einem spitzigen Holz im Fleisch, der ihm viel Schmerzen machen mußte. – Es wäre aber gut gewesen, wenn nur die Wüste und nicht auch diejenigen, die darin wandelten, von Dornen einen Namen verdient hätte. Aber wie oft zeigten sie sich als stechende Dornen, voll Zorn wider Mosen und so auch gegen Gott selber. Paulus schildert das Leben des natürlichen Menschen als in Bosheit und Neid, sich untereinander hassend und hassenswerth, und möchte die Erfahrung ihn widerlegen statt zu bestätigen, daß die Menschen noch sind, wie sie waren. Die Klagen über den Mangel der Liebe in der Welt und selbst unter den Christen, sind wohl nur allzu gegründet, indessen mögen diejenigen, welche sie führen, zusehen, ob sie nicht selbst auch ihren Anlaß dazu geben. Die Liebe aber ist, von der größten Wichtigkeit, denn wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm. Sie ist aber von Gott, und nicht von uns selber und nur wer aus Gott geboren ist, hat wahre Liebe. Paulus giebt ihr selbst vor dem Glauben und der Hoffnung wenigstens den Vorzug, daß diese aufhören, jene aber bleibet. Sie macht das eigentliche Ebenbild Gottes aus, denn er ist die Liebe. Dies Ebenbild haben wir aber verlohren und sind stachelichte Dornen geworden, wie sich auch bei Gelegenheit zeigt, dürfen es aber nicht bleiben, sondern müssen ein Süßteig werden und uns unter einander herzlich lieben lernen. – Dornen sind auch ein Bild von allerlei Versuchungen, und der Herr Jesus gebraucht sie als ein Bild der Sorgen dieser Welt, des betrüglichen Reichthums und mancher Lüste, welche den Saamen des göttlichen Worts ersticken. Daher ermahnt auch Petrus, die Lenden des Gemüth’s zu begürten, wie jemand seine Kleider umgürtet, damit sie nicht an den Dornsträuchen hängen bleiben und reißen. Auch bilden Dornen allerlei Leiden ab und diejenigen ins besondere, die einem jeden ins besondere auferlegt sind, weswegen Jesus nicht nur im Allgemeinen von der nothwendigen Aufnahme des Kreuzes redet, sondern auch von dem Einzelnen sagt: er sollte sein Kreuz auf sich nehmen täglich, welches einem schmerzhaften Dorn gleichet, jedoch dem Christen heilsam ist. – Ja erinnern Dornen nicht auch an den Fluch, den die Sünde erzeugt hat, welcher halber Gott den Acker verflucht hat, daß er Dornen und Disteln trägt und unter welchem die menschliche Natur auch liegt; aber erinnern sie nicht auch zugleich an denjenigen, welcher mit Dornen gekrönt war, weil er für uns ein Fluch ward, um uns von demselben zu erlösen? So erinnerten auch die Dornbüsche, unter denen die Kinder Israel beschwerlich genug wandelten, an des Herrn Gnade, denn ein solcher Dornbusch war’s, in welchem der Herr dem Mose in dieser nehmlichen Wüste und Gegend erschienen war, und Erlösung verheißen hatte. Mosi selbst war er wenigstens stets im Andenken, so daß er noch 40 Jahre nachher, dessen in seinem Abschiedssegen gedenkt, wenn er 5 B. Mos. 33,16. spricht: die Gnade deß, der im Dornbusch wohnte, komme auf dein Haupt. – Möchten bußfertige Seelen, durch ihr Sündengefühl nicht nur gedemüthigt, sondern auch an den erinnert werden, der sie büßte, um sich desto fester an den Arzt zu klammern, je mehr sie sein bedürfen. – Endlich gehört es auch zu den Verheißungen, wenn Hos. 1. gesagt wird: „ich will deinen Weg mit Dornen vermachen und eine Mauer davor ziehen,“ um ihn nehmlich zu dem Entschluß zu bringen: „ich will wieder zum Herrn, von dem ich mich gewendet habe.“ Und welche nützliche Dornhecke ist das; denn was kann einem Menschen heilsameres begegnen, als wenn er verhindert wird, seinen bösen Weg fortzusetzen und sich genöthigt sieht, den guten einzuschlagen, möchten die Dornen, die ihn dazu bringen, auch noch so stachelicht sein und es auch zu ihm heißen: „es wird dir schwer werden, wider den Stachel hintenauszuschlagen.“ Wie nützlich war es dem Schächer, ans Kreuz zu kommen, dem Blinden, also geboren zu sein, dem Jona, vom Fisch verschlungen zu werden, dem König Manasse, in Ketten und Banden zu kommen; darum mag es wohl heißen: „welche ich lieb habe, die züchtige ich.“ Es ist kein gutes Zeichen, wenn es den Menschen im Aeußern ganz nach Wunsch geht und sie innerlich auch nicht angefochten werden, und David erblickt mit Recht dankbar die Treue Gottes in den erfahrnen Demüthigungen, wodurch er weise wurde. Zu einer stechenden Dornhecke müssen dem Menschen seine Sünden werden, daß er sich gern davon wegwendet, muß ihm das Gesetz werden, ihn als ein scharfer Zuchtmeister zu Christo zu treiben, müssen ihm innerer Druck und Trauer werden, um ihn für den Trost bedürftig und empfänglich zu machen, den ihm das Evangelium darreicht. Gott kann dem Menschen auch Dornhecken genug pflanzen, die so scharf und dich sind, daß er sich genöthigt sieht, nach dem Herrn zu fragen, und wohl dem, dem es also geht. – Ist er auf den rechten Weg getreten – wie nützlich sind dann selbst Dornhecken, wenn sie nur dazu dienen, ihn darauf zu erhalten, mögen sie auch empfindlich stechen. Dazu dient bei diesem ein schwächlicher Körper, bei jenem ein Hauskreuz, bei andern was anders, das sie immer nöthigt auf den Herrn zu sehen, wozu entweder die Noth oder die Liebe dringen muß. Es ist immer etwas da, was den Christen klein erhält und ihn vor dem Hoch-Klimmen und Steigen bewahrt, sei es ein Pfahl im Fleisch – seien es Faustschläge Satans. Mögen uns immerhin alle Wege mit Dornhecken verzäunt werden, wenn uns nur der Eine sich öffnet. Uhren, welche richtig gehen sollen, bedürfen nicht nur aufgezogen zu werden, sondern auch eines Druckes und Gewichtes, und Kinder, die gerathen sollen, der Zucht. Paulus trug allezeit mit sich um das Sterben Jesu Christi und war beschwert, so lang er in der Hütte wohnte. Assaph will es nicht achten, wenn ihm auch Leib und Seele verschmachten, so nur der Herr seines Herzens Trost und sein Theil bleibt.

In diesem Capitel wird nur ein Namensregister der Lagerstätten, nicht aber dasjenige angegeben, was sich daselbst zugetragen. Was hier geschehen sei, meldet uns das 16te Capitel des 2ten Buches. Sie waren jetzt einen Monat auf der Reise, denn am 15ten des ersten Monats waren sie ausgezogen, und am 15ten des andern, d.i. des Aprils, kamen sie hier an. Die Juden hatten nehmlich – wenn euch etwas dran gelegen ist, dies zu wissen, - ein zwiefaches Neujahr, das Kirchenjahr nehmlich, welches mit Ostern anhub, und das bürgerliche im September. In der christlichen Kirche ist etwas ähnliches, wiewohl sich die unsrige, der christlichen Freiheit gemäß, nicht daran bindet, denn das christliche Kirchenjahr beginnt mit dem ersten Advents-Sonntage, wie das bürgerliche mit dem ersten Januar. Jenes hatte eine göttliche Einsetzung, war also allgemein verbindlich, dieses nicht, ist aber doch eine ganz löbliche Sitte, so wie überhaupt alle christliche Feste kein göttlicher Befehl sind, dessen ungeachtet aber aus Liebe gefeiert werden. Die neutestamentliche Kirche ist die Sarah, die freie, welche sich kein Gewissen soll machen lassen über bestimmte Sabbather, Neumonde und Feiertage, welches ist der Schatten von dem, das zukünftig war, aber der Körper selbst ist in Christo, Col. 2,17.; daran soll sie auch unverrückt festhalten, indem sie aber dies thut und überhaupt eigentlich keinem Gesetz unterworfen ist, unterwirft sie sich durch die Liebe und Kraft der göttlichen Natur, der sie theilhaftig geworden ist, allen, nicht nur göttlichen Geboten, sondern auch menschlichen Einrichtungen, wenn sie christlich und löblich sind. Unter dem alten Testamente war aber alles Gesetz, bis zur Kleidung hin. –

Es war sehr billig, daß das Kirchenjahr mit dem Erlösungsfeste anhub; beides war aber nur Vorbild der Erlösung durch Christum und des neutestamentlichen Ostern: die Erlösung aus Egypten sowohl als die Gedächtnißfeier derselben am Ostern. –

In diesem Monat nun war der, aus Egypten mitgenommene Mundvorrath aufgezehrt. Daß er aufgezehrt, war nicht so sehr zu verwundern, als daß er bisher angehalten hatte. Dies läßt sich ohne einen verborgenen Segen Gottes nicht begreifen, obschon sich dieser verborgene Segen auch nicht erklären und begreiflich machen läßt. Aber was läßt sich auch am Ende erklären und begreiflich machen? Ist man im Stande, nachzuweisen, wie es zugeht, daß sich endlich die Aehren mit Körnern füllen, oder wie aus einem gepflanzten Erdapfel so viele werden? Und sollte uns dies Naturereigniß nicht billig in ein eben so großes Erstaunen setzen, als wenn wir dem Wunder zugeschaut hätten, wie sich unter den segnenden Händen Jesu wenig Brodte also vermehrten, daß sie zur Sättigung einer sehr großen Menge Menschen dienten? Haben wir aber kein verständiges Herz, so wird uns weder dies Wunder, noch dies Naturereigniß rühren. Lesen wir, wie sich das Wasser durch Christi Wort in Cana in Wein verwandelte, so wundert uns das. Aber ist es uns denn begreiflicher, wie es zugeht, daß sich das Wasser, indem es die Canäle des Weinstocks durchrinnt, in Trauben, und in diesen zu Wein bildet? Mag sich jemand so klug dünken wie er will, er kann das Eine so wenig erklären wie das andere, mag er auch seine Blindheit damit beweisen, daß er beides nicht achtet. Wenn das Mehl im Cad jener Wittwe und das Oehl in ihrem Kruge nicht abnahm, obschon sie täglich davon brauchen mußte, weil es ihr einziges Nahrungsmittel war: so wundert uns das, und wir möchten fragen: wie mag solches zugehn? zumal da es nie wieder geschehen ist. Aber Gott kann ähnliches thun und thut Aehnliches, wenn gleich auf unmerkliche Weise. Haben wir nicht ein Jahr erlebt, wo die Nahrungsmittel nicht nur schlecht gerathen waren, sondern auch wenig nährende Kraft enthielten, so daß das Wort des Propheten Haggai 1,6. erfüllt wurde, wo er sagt: „ihr esset und werdet doch nicht satt,“ – wo er auch noch sagt: „ihr kleidet euch und könnt euch doch nicht erwärmen, und welcher Geld verdient, der legt’s in einen löcherichten Beutel.“ – Wir haben aber auch Zeiten erlebt, wo wir durch starke Heerzüge, so viele Mitesser an Menschen und Vieh bekamen, daß eine Theuerung unausbleiblich schien. Sie stellte sich dennoch nicht ein und viele wußten nicht, was sie sagen sollten, als sie im Frühjahr noch Ueberfluß an allem hatten; die Verständigen aber erblickten darin den gütigen Finger Gottes. Diese wunderliche Güte offenbarte sich bei den Kindern Israel auch in ihrem aus Egypten mitgenommenen Proviant. Es ist unglaublich, daß sie so viel sollten haben mitnehmen können, als zur Beköstigung einer solchen ungeheuern Menschenmenge für einen ganzen Monat hinreichte: dennoch reichte er hin. Nun, bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. Kann er Thiere, den ganzen Winter durch ohne Nahrung erhalten, warum sollte er das nicht auch bei Menschen können, wenn er wollte? Dies war auch das einzige Wunderwerk nicht, sondern wie merkwürdig ist es, daß nicht nur ihre Kleider überhaupt nicht verschlissen; sondern auch ins besondere der Theil derselben, den sie am meisten brauchen mußten, nehmlich ihre Schuhe, und sollte ich hiebei nicht bemerken dürfen, wie ja noch immer bei gleicher Sorgfalt, der eine weniger an Kleidungsstücken verbraucht und an Nahrung bedarf als ein anderer. O! gewiß waren die Kinder Israel in der Wüste nicht allein mit Wundern umgeben, sondern wir sind’s nicht weniger, hätten wir nur Augen und Ohren dafür. – Das Bedürfniß macht die Menschen klug, geschliffen und geschickt. Da sollte man ja gedacht haben, die Kinder Israel würden in einem so langen Zeitraume, wo sie keine Kunst und Gewerbe bedurften, wohl Halbwilde geworden sein und alles Geschick verlohren haben, aber nein. Sie verfertigten die kostbarsten und feinsten Goldsachen und die künstlichsten Teppiche und Kleider, wenn gleich nicht zu ihrem eigenen Gebrauch, doch für’s Heiligthum. Und wie kamen sie an diese Kunstkenntnisse? Ich habe sie, spricht der Herr 2. B. Mos. 31, mit dem Geiste Gottes erfüllet und ihnen allerlei Weisheit in’s Herz gegeben, - sogar daß Moses verstand, Gold in Pulver aufzulösen – eine Wissenschaft, welche man in langer Zeit nachher so gar nicht verstand, daß man sie für unmöglich hielt. O Herr! ruft David aus, wie sind deine Werke so groß und viel, wer ihrer achtet, hat lauter Lust daran, der findet die Erde voll seiner Güte. Ist er’s doch auch, der nach Jesaias 45. das Licht machet und schaffet die Finsterniß, der Frieden giebt und schaffet das Uebel, und der da versichert: außer mir ist nichts. –

Mochte aber der Mundvorrath der Kinder Israel denn auch über Erwarten lange hingereicht haben, so war er doch nun rein aufgezehrt und das, nicht in Elim, wo die Früchte der Palmbäume ihnen noch einigen Ersatz dargeboten hätten, sondern in der Wüste, wo nichts als Dornen wuchsen, wenn da noch was wuchs, und mochtens meinetwegen denn auch Brombeeren sein, was geben für die Nahrung. Drum welche Noth! Nichts zu essen und dabei durchaus kein Mittel zu haben, sich etwas zu verschaffen – das mag eine Noth heißen. Wie sehr bedurften sie gegen eine solche Noth, eines solchen Gottes, wie sie an Jehovah wirklich hatten, obschon sie’s nicht immer erkannten. Hätten sie’s erkannt, wie getrost würden sie gewesen sein. Wie verhielten sie sich aber und wie verhielt sich Gott?

Doch laßt uns hier abbrechen, um, so der Herr will, nächstens den Faden wieder aufzunehmen und der wunderbaren Geschichte weiter nachzudenken.

Was ist doch der Mensch, fragt Hiob Cap. 7., daß du ihn groß achtest und bekümmerst dich mit ihm? Du suchest ihn täglich heim und versuchst ihn alle Stunde. Was bewegt ihn dazu, als seine große Liebe? Diese Liebe des Vaters und die Gnade des Sohnes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Mag’s dann auch durch eine Wüste geh’n, und alle sinnliche Stützen brechen und schwinden, so geht’s doch nach Canaan. Dein guter Geist führe uns auf ebener Bahn, und nimm uns endlich mit Ehren an.

Amen.